Dienstag, 10. September 2013

Arkanil startet in die Science Fiction... und ich hab Zahnschmerzen deswegen.

Image courtesy of the Image Science & Analysis Laboratory, NASA Johnson Space Center
Der Versuch einer Erklärung.

Okay, hin und wieder kommt es, dass auch ich mal nachsehe, was mir so im „Feindesland“ alles begegnet. Das heißt dann, dass ich mich auf Blogs herumtreibe, die Thematisch zwar ebenfalls mit dem Thema Rollenspiel zu tun haben, sich dann aber verstärkt eher mit Systemen beschäftigen, die ich nur dem Namen nach kennen muss. (Ihr wisst schon: DSA und so.)

Arkanil hat mit seinem Blog ja einen solchen Schwerpunkt. (und eigentlich sagt er mir nur deswegen etwas, weil er ansonsten bei Durchgeblättert ein klein wenig etwas beiträgt.)
Soweit so gut. Jetzt hat Arkanil aber (wohl aufgrund schierer Verzweiflung, weil in den nächsten drölfzigtausend Monaten eh nichts neues über DSA zu erwarten sein wird, außer der Tatsache, das mit DSA 5 alles noch schlimmer sein wird als jemals zuvor) eine neue Serie angefangen, die sich Thematisch tatsächlich mit einem meiner persönlichen Lieblingsgenres, der Science Fiction, dreht. (Hut ab, ich werde die Sache definitiv gespannt und interessiert verfolgen, soweit ich die Zeit zum Artikel-Lesen finden kann.)

Jetzt ist es natürlich immer eine gute Idee bei einer solchen Serie erst einmal damit anzufangen, eine wenigstens grobe Definition des Themas abzuliefern. (Solche Artikel haben zwei besondere Funktionen: Zum einen schindet man Zeilen, die man als Inhalt verkaufen kann. Zum anderen, und das ist der eigentlich praktische Nutzen dabei: Ein solcher Artikel schafft mehr oder weniger eine Diskussionsgrundlage, mit der man arbeiten kann. Das heißt sowohl, dass man hier seine eigene Position in Bereich des Themas andeuten kann, aber auch, dass man ein Wenig die Schwierigkeiten aufzeigt, die eine solche Position durchaus mit sich bringt. (Letzten Endes wird man eh zwischendurch, während man die nachfolgenden Artikel schreibt hier oder da ein weiteres Problem haben, wenn man auf die Grenzbereich stößt, wo es dann Überlappungen gibt, was andere Genre zum Beispiel betrifft.)

Und jetzt kommen wir zu dem Punkt warum ich Zahnschmerzen bei dem entsprechendem Artikel habe. Arkanil pickt sich nämlich aufgrund des Problems der Wahrnehmung von Science Fiction als Science Fiction folgende Definition heraus, welche für eine Grundlage herhalten soll, die dann bei späteren Betrachtungen anders abgeklopft wird. (Respektive: Es wird versprochen, dass eine solche Betrachtung folgen wird.):
Science Fiction ist alles, was als Science Fiction veröffentlicht wird.
Norman Spinrad
Ich weiß nicht, wie viele Leute jetzt gerade ähnliche Magenschmerzen haben wie ich. Denn der Satz stimmt nur zum Teil. Von daher möchte ich hier ein wenig versuchen zu erklären, was an der ganzen Geschichte stimmt, und was eventuell ein Problem darstellt. (Zumindest aus meiner etwas spezielleren Sicht.) Also, was bereitet mir an dieser Definition über Science Fiction gerade Kopfschmerzen?
Ersteinmal: Die Aussage bezieht sich auf den Markt der Literatur, nicht aber die Literatur als solche. Das kann, solange wir über die Frage der Wahrnehmung an die Definition der Science Fiction herangehen natürlich einen gewissen Vorteil haben: Dadurch, dass der Markt von Anfang an ein bestimmtes Label auf seine Buchcover drückt, schafft er natürlich einen gewissen Abgrenzungsraum, was die Erwartungen an ein bestimmtes Buch anbelangt. In diesem Bereich wird unsere Art, wie wir etwas Wahrnehmen können sehr direkt und durchaus Praktikabel auf die Aspekte hingeführt, welche für unsere jeweilige Wahrnehmung notwendig sind.
Das Problem an einer Solchen Ausgrenzung ist aber, dass es als rein formales, von Außen an das Genre herangetragenes Label, nichts über das Genre an sich aussagt, wenn man auf den Inhalt acht zu geben versucht. Das Problem hierbei ist nämlich, dass die Science Fiction als solche ein Untergenre der Phantastik darstellt und damit häufiger in Schnittmenge mit ihren „Schwestergenren“ wie dem Horror, dem Grusel oder auch der Fantasy gerät. Insofern ist der jeweilige Versuch einer reinen „Labeletikettierung“ an sich ein ziemlich problematisches Feld. Dieses spezielle Feld geht nämlich über das Genre selbst hinaus. Und urplötzlich befindet sich die Veröffentlichungspolitik, die über das „Label“ entscheidet, in einem taktischen Spiel, das auch durch die angestrebte Zielgruppe, das Ansehen des jeweiligen Autors (wir kennen die „Notwendigkeit“ mancher Autoren unter Pseudonymen oder veränderten Namen zu veröffentlichen, wenn er in einem Genre schreibt, das nicht für seine gewöhnliche Aufgabe steht) oder auch die Frage, ob man diesem Roman überhaupt das Ansehen des Labels der Science Fiction antun möchte. (Seien wir mal ehrlich: Es gibt zwar eine ganze Menge guter Science Fiction da draußen, aber dadurch, dass diese entsprechenden Geschichten im Genre der Science Fiction erschienen sind, bekommen diese Geschichten automatisch das „Geschmäckle“ des Trivialen. Und dieser Aspekt des Trivialen an der Science Fiction ist letzten Endes historisch begründet, da der Ursprung dieser Literaturgattung in den Pulp-Heftchen des 19 Jahrhunderts zu suchen sind.)
Damit dies ein wenig verständlicher wird, muss ich noch einmal auf die Episode 16 des Ausgespielt-Podcasts verweisen: Jens macht dort auf das Buch „Das Jahr der Flut“ von Margaret Atwood aufmerksam. Seinen Äußerungen nach wurde das Buch zuerst aufgrund der Identität der Autorin von keiner Person als Science Fiction bezeichnet, da es sich hierbei um eine kanadische Literatin handelte. Mittlerweile hat sich dieser Punkt zumindest im Netz soweit verändert, dass einige Personen innerhalb der Fortlaufenden Rezeption des Romans darauf bestanden haben, das hier Inhalte der Erzählung bemüht würden, die eindeutig in die entsprechende Richtung gehen. (Ich muss mich bei dem entsprechendem Punkt auf die im Podcast dargestellten Äußerungen verlassen, weil sich zumindest mir mittlerweile halt eine veränderte Darstellung im Netz tatsächlich aufzeigt.)
Worauf ich hierbei hinauswill ist letzten Endes der Punkt, dass die Rezipienten einer Geschichte jenseits der Behauptung eines Verlages bestimmte Qualitäten und Eigenschaften an einer Story festmachen können (und müssen), welche dann für die entsprechende Schublade zu einem einvernehmlichen Einverständnis treffen können. Das heißt, der Rezipient kann sowohl an Formalen, als auch Inhaltlichen Ansätzen einen entsprechenden Geschichte festmachen, dass diese einem Genre zutreffend zugerechnet wird. Das Bedeutet aber auch, dass gerade der Rezipient, also der Leser einer Geschichte, mündig genug ist für sich selbst zu entscheiden, ob etwas das Labe der Science Fiction zu tragen. (Wenn ich auf meiner Kopie von „Huckleberry Finn“ einen entsprechendes Beschriftungsetticket „Science Fiction“ drauf kleben würde, würde das Buch dadurch ja auch nicht das Genre wechseln.)
Das an diesem Anhaltspunkt etwas dran ist kann man an einer im entsprechenden Fandom (und darüber hinaus) seid Jahren ziemlich heftig geführten Diskussion festmachen: Star Wars.
Stark heruntergebrochen gibt es hier zwei Positionen: Die eine sagt, das es Science Fiction ist, die andere sagt, dass es sich um Fantasy handelt, die lediglich zwischen die Sterne verlegt worden ist.)
Beide Positionen haben dabei durchaus ihre jeweiligen Argumente, die für die jeweilige Theorie sprechen.
Heißt das jetzt, dass wir hier stehen bleiben und Brecht zitieren? Wenn ich meinen Grundansatz für diesen Artikel hier ansehen würde, würde ich gerade beinahe ja sagen. Ich wollte ja eigentlich nur erklären, warum ich mit der von Arkanil zitierten Definition eines erstellerkonzentrierten Definition meine Probleme habe. Aber das wäre, glaube ich, auch nicht sonderlich befriedigend. Daher versuchen wir mal diesen Formalismus ein wenig aufzubohren.
Ich habe bis hierhin einiges zusammengetragen, was gegen die rein Hersteller-Konzentrierte These spricht. Aber, diese Punkte liefern durchaus ein paar Hinweise dafür, wie man eventuell dann doch hier eine Arbeitsthese für einen eventuellen Abschluss nutzen kann.
Fassen wir also mal zusammen, was wir bis hierhin aufgestellt haben an Behauptungen:

  1. Science Fiction ist ein gesellschaftlich/veröffentlichungspolitisch umstrittenes Genre.
  2. Science Fiction enthält bestimmte Qualitäten, die Geschichten für dieses Genre zugehörig erkenntlich machen.
  3. Science Fiction als Label ist für die Wahrnehmung des Genres als solches hilfreich, wird aber unter bestimmten Absichten ignoriert.
  4. Nicht nur der Autor/Verleger, sondern auch der Leser als Rezipient bestimmt, ob eine Geschichte für das Genre der Science Fiction geeignet ist.

Ich denke, dass gerade dieser vierte Punkt hierbei sehr wichtig ist. Wir lösen damit nämlich die Science Fiction von irgendwelchen Absichten, die, wie wir an der gehäuften Diskussion über Grenzfälle erkennen, letzten Endes als zutreffend akzeptiert werden müssen.
Dafür spricht gerade die Geschichte hinter dem bereits erwähnten Romans „Das Jahr der Flut“. Das Bedeutet, dass auch als Nicht-Science-Fiction-Stories veröffentlichte Geschichten aufgrund ihrer Inhalte letzten Endes nachträglich als Science Fiction erkannt werden können. (Oder auch: Anerkannt werden können.)
Was jetzt genau diese aus dem Inhalt heraus entsprungenen Eigenschaften sind, müsste man nocheinmal im einzelnen festhalten. Das Problem dabei ist nämlich gerade, dass sich die Science Fiction, sofern sie über den Label-Begriff läuft noch einmal in verschiedene Subgenres aufspaltet. (Weswegen ja unter anderem auch die Theorie existiert, dass man Science Fiction „nur“ als Meta-Genre auffassen kann.)
Der springende Punkt hierbei ist dann meiner Ansicht nach, dass Science Fiction sehr viel über die Wahrnehmung letzten Endes läuft. Sowohl die Wahrnehmung der Produzenten, aber auch die Wahrnehmung der Rezipienten.
Wenn wir also auf eine formale Definition der Science Fiction uns konzentrieren sollten, die noch nicht über inhaltliche Fragestellungen Seitens der jeweiligen Geschichten im Einzelnen arbeitet, was die speziellen „Genre“-spezifischen Tropes anbelangt, bietet sich eigentlich eher ein konstruktivistischer Ansatz an, weswegen ich jetzt eher folgenden Satz für eine solche Diskussion nutzen würde:

Science Fiction ist, was als Science Fiction wahrgenommen wird.

Ich gebe hierbei offen zu: Sowohl die Definition von Spinrad, als auch mein Versuch einer Korrektur eröffnen dem Relativismus über die Science Fiction einen nicht zu knapp bemessenen Raum. Andererseits ist mein Versuch den Rezipienten mit einzubeziehen wesentlich Ehrlicher, weil ich den Dialog bezüglich des gesamten Genres (und damit verbunden dann auch der dazugehörigen Vorläufer wie Shellys „Frankenstein oder der moderne Prometheus“) nicht ausklammere, sondern vielmehr in das Selbstverständnis des Fandoms, aus dem letzten Endes ja auch immer wieder neue Impulse kommen, mit einbeziehe. (Ich sehe die Sache nämlich aus meiner heutigen Sicht eher so: Ohne eine gewisse Faszination für das Genre und damit den mehr oder weniger stetigen Austausch mit Gleichgesinnten, können auch keine neuen Geschichten entstehen, welche jeweils mit den Visionen und Neuerungen des dazugehörigen Jahrzehnts spielen. Sowohl der Produzent, als auch der Rezipient sind also in gewisser Weise mit dafür verantwortlich, wohin die „Moden“ innerhalb der Science Fiction letzten Endes gehen.)

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