Dienstag, 25. Februar 2014

Warum "Die Tribute von Panem" nicht zur Dystopie taugen.


Cover: Suzanne Collins: Die Tribute von Panem
Oettinger Verlag 
Wie das Leben so spielt, kommt es manchmal zu etwas verqueren Ereignissen im Leben einer internetaffinen Person wie mir, dass ein eigentlich kurzer Kommentar unter einem Video in Arbeit ausarten kann.

Im Dezember hatten die Zeitzeugin und die Chaosmacherin einen kurzen Geekplausch untereinander veröffentlicht, in dem die Beiden sich lediglich über ihre jeweiligen Neuanschaffungen ausgelassen haben. (Und wer mich kennt weiß, dass ich im Verlauf von diversen Podcasts und ähnlichen Dingen immer bestimmte Stichworte nutze, um zu dem Ganzen einen gesonderten Kommentar abzugeben.)

Dabei hatte ich dann einen kurzen Kommentar-Austausch mit Chaosmacherin gehabt, in dem es darum ging, warum ich die Trilogie rund um die Tribute von Panem nicht mit dem Label Dystopie versehen würde. Offenbar hat die gute Sumi dieser Punkt damals nicht mehr so wirklich zur Ruhe kommen lassen und im darauffolgenden Januar-Geekplausch bekamen die einberufenen Gäste dann die Frage, ob sie meine Position verstehen würden. (Tja, eigentlich war das Thema für mich im Dezember bereits abgehakt gewesen, aber wenn ich damit die Gedankenwelt des Internets wieder mal zum philosophieren bringen kann, sei's drum.)

Warum brauche ich aber so lange, für diesen Artikel? Der Punkt ist shclicht und ergreifend der: Ich habe keinerlei Detailerinnerungen an die Panem-Reihe mehr gehabt. (Offen gestanden: Ich finde das Buch im großen und Ganzen zu schlecht, als das es Großartig im Gedächtnis bleiben sollte, um dort Platz für wichtigere Dinge zu verschwenden.) Dementsprechend hatte ich erst einmal wieder Zeit gebraucht, um mich zumindest durch den ersten Band zu quälen.

Zuallererst einmal bleibt mein Punkt bestehen: Panem ist keine Dystopie, sondern etwas, das im weitesten unter der Rubrik Postapocalypse für mich läuft. (Es werden zwar Andeutungen gemacht, dass die Vergangenheit von Distrikt 12 möglicherweise auf utopischen Idealen aufgebaut haben könnte, aber hier geht es ja letzten Endes um die Dystopie-Frage. Und die kann man nicht einfach mit einem „es war eine gescheiterte Utopie, also ist es eine Dystopie“ beantworten.)

Das Thema der Dystopie ist Komplex. Von daher tendieren sehr viele Personen dazu, sich an den auffälligsten Merkmalen hochzuangeln. Und da muss man letzten Endes auf die Anfangzeilen des Wikipedia-Artikels verweisen, welcher wohl das große Missverständnis im Bereich Dystopie ausmacht:

Eine Dystopie (englisch dystopia, Gegenbildung zu utopia) oder Anti-Utopie ist in der Literaturwissenschaft eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit oftmals negativem Ausgang. Sie handelt von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt, und stellt somit einen Gegenentwurf zu Thomas Morus’ Utopia dar.

Lustiger Weise, muss man hinzufügen, ist ausgerechnet in dieser Kurzfassung bereits die Antwort darauf gegeben, warum Panem selbst nicht zur Dystopie hochgezogen werden kann:

Dem Individuum ist durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheit genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte und/oder eigener Werte gekappt.
(Die zentrale Hervorhebung findet hierbei durch mich statt. Einschließende Unds haben immer so einen wunderschönen Aspekt an sich.)

Ich will in diesem Artikel keinen übertriebenen literatur-geschichtlichen Ablauf festmachen. (Auch wenn ich befürchte, dass ich mit diesem Artikel hier einen der längsten Blogeinträge verfassen werde, die ich insgesamt in der Geschichte dieses Blogs in die Tasten zu hauen versuche.)
Warum betrachte ich Panem also nicht als Dystopie, obwohl es offenbar so viele oberflächliche Vergleichsmöglichkeiten gibt? Wo doch diese negative Gesellschaft eindeutig in der Zukunft liegt?

Das allein ist bereits ein wenig kompliziert erklärt. Zuerst einmal muss man sich der Tatsache bewusst machen, dass die Lage eines dystopischen Staatsentwurf nicht etwa zwecklos in die nahe bis ferne Zukunft gestellt wird. Dieser Zweck ist aber nicht zwingend der, dass man einen Gesellschaftsentwurf aus aktuellen, bedenklichen Tendenzen erschafft. (Dafür könnte man sogar einen entsprechenden fiktiven Kleinstaat in der Gegenwart erschaffen, der sich schneller in dieser Abwärtsspirale befindet.) Dieser Zweck ist eher tatsächlich geografischer Natur und liegt im Wortspiel „Utopia“ zu suchen. Um genau zu sein beziehe ich mich hierbei auf den grichischen Begriff der Outopia, was übersetzt soviel wie Nichtort bedeutet.

Zu den Zeiten, als Thomas Morus seinen Staatsentwurf der Utopie verfasste war es durchaus überzeugend, dass irgendwo auf der Welt ein unbekannter Platz existierte, wo Menschen nach bestimmten idealisierten Moralvorstellungen leben konnten. Aber: Der entscheidende Faktor dabei war Grundsätzlich immer, das die entsprechende Staatsmacht an einem unbekannten, nicht vorhanden Ort existierte. Ein „unentdecktes Land“, wie es Shakespear formuliert hatte.
Da die heutige Zeit, welche gerade durch eine annähernd 100% Kartografierung der Welt sich auszeichnet kaum noch Platz auf der Karte lässt, welche eine wie auch immer geneigte Tendenz für einen nicht Ort lässt, ist die Versetzung in die Zukunft für beide Genre notwendig geworden. Wobei die Dystopie als jüngeres Genre diesen Punkt noch notwendiger hatte, war sie doch bereits von diesem Umstand beinahe von Anfang an betroffen.

Daher sollte klar sein, dass ein negativer Staat in der Zukunft nur ein Mittel zum Zweck, nicht aber ein valides, hartes Argument für die Dystopie selbst ist. (Anders Ausgedrückt: Wenn ich eine Geschichte über den Wahlsieg von Angela Merkel verfasse und diese Geschichte in die Zukunft verfrachte wäre das keine Dystopie, sondern nur eine Geschichte über eine inkompetente Unsympatin in der Zukunft.)

Wenn man sich die Tribute von Panem einmal ansieht, so sollte man die entsprechend dahinter stehende Gesellschaft vielleicht auf ihre Grundfacetten einmal herunterbrechen, um das Buch für unsere Begriffe zuordnen zu können:

Wir haben ein postapocalyptisches Szenario, in dem sich eine durchaus diktatorische Gesellschaft gebildet hat, welche man (im besten Falle) mit einem olygarchen, dekadenten Warlordtum umschreiben kann.

Diese Gesellschaft nutzt eine Art von absoluter, brachialer Kontrolle, die über eine Art „Polizei“ in Form der „Friedenswächter“ geführt wird.

Einmal im Jahr findet das medial hochgefeierte Großereignis der sogenannten „Hungerspiele“ statt, welches als Gladiatorenkampf in alle Welt übertragen wird. (Zumindest innerhalb der Distrikte und der Kapitolstadt Panem selbst.) Dieses Ereignis ist eine Demütigung der Distrikt-Bevölkerung, welches in gewisser Weise nur unter Waffengewallt durchgezogen werden kann.

Ich gebe zu: Der mediale Aspekt (aber auch wirklich nur dieser) an den Hungerspielen könnte noch so gerade eben in seiner Funktion als Argument für die Dystopie-Theorie aufgefasst werden. Schlicht und ergreifend, indem man die derzeitige Tendenz jeder Form der Demütigung eines Individuums als Unterhaltugnswert bezeichnet wird. Da liegt es tendenziell nicht fern, auch den Tod eines Individuums zum Unterhaltungszweck zu machen. Allerdings gibt es hierbei ein Problem, dass in dem oben zitierten Satz rund um das jeweilige Wertesystem versteckt liegt: Das System der Tribute von Panem wird nicht als positiv von der Bevölkerung per se Wahrgenommen.
Das ist nämlich der zentrale Kniff, der Dystopien immer mit ausmacht.

Hierbei muss man sich nämlich Zeitgleich einer weiteren Sache bewusst sein, der die Dystopie als Refernz zur Utopie immer mit beinhält: Utopien sind deshalb positive Gesellschaften, weil ihre Bevölkerung die Moral haben, bestimmte, positive Werte aufrecht zu erhalten, welche die utopische Gesellschaft überhaupt erst ermöglichen. (Was übrigens auch der Knackpunkt ist, der viele frühe utopische Romane wie Morus „Utopia“ oder Campanellas „Der Sonnenstaat“, zu proto-kommunistischen Gesellschaften werden ließ.)

Jetzt ist es natürlich eine weit verbreitete Ansicht, dass kommunistische Staatsformen nicht funktionieren können. (Respektive: Dieser Umstand wird aus dem Scheitern der sogenannten Übergangssysteme, den sozialistischen Staaten des Ostblocks abgeleitet.)

Daher schwingt in Dystopien auch immer die Frage mit, wieso ein derartiges System überhaupt aus dem Bewusstsein der Bevölkerung heraus funktionieren kann. Denn wenn man ein bestimmtes, heute als realistisch erachtetes Menschenbild zugrunde legt, müssten Menschen bestimmte Bedingungen, egal welcher Art, schnell ablehnend gegenüber stehen. Dauerhafte Entbehrungen, wie 1984 ausmachen, können nur durch die ständige Bedrohung eines Krieges, in dem sich die Gesellschaft befindet als akzeptabel angesehen werden. (Sprich: Der Bevölkerung steht der Arsch auf Grundeis, weil man vor der ständigen Bedrohung durch einen nicht näher bekannten, äußeren Feind zusammenrückt.) Brave New World schafft eine entsprechende Gesellschaftsform, in der jeder seinen zugewiesenen Platz akzeptiert, weil sämtliche Individuen von frühester Kindheit an entsprechend behandelt und Konditioniert werden, dass sie nicht dagegen aufbegehren.
Und um ein Beispiel für die entsprechenden kommunistischen Dystopien zu bemühen: In Stanislaw Lems „Rückkehr von den Sternen“ ist es eine Art Impfung, welche den Menschen sämtliche Aggressionen nimmt und dadurch eine klassenlose, friedfertige Gesellschaft schafft.
(Das diese Gesellschaften für uns der reinste Horror sind, wird dabei in der Regel durch das Stilmittel des Außenstehenden bemüht. Indem man einen Wilden in die Zivilisierte Welt „zurückholt“, der sich langsam den negativen Punkten der scheinbar perfekten Gesellschaft nähert.)

Dieser Punkt eines „moralisch sauberen Handelns“ fehlt vollkommen in Panem. Die Stimmung ist vielmehr bedrückend und von Angst beherrscht. Das Ganze geht sogar soweit, dass Katniss, die Handlungsprotagonistin, nicht aufgrund von irgendeinem Ehrgefühl sich als Tribut meldet, sondern aus einem Bedürfnis von Aufopferung und Nächstenliebe. Zum Teil gibt es sogar Andeutungen, wenn Katniss mit ihrem Stylisten Cinna spricht, das sich selbst die Bevölkerung innerhalb des Kapitols, der Stadt Panem, dem moralischen Verbrechen bewusst ist, das sie den Distrikten antun.

In all diesen Punkten fehlt also der zentrale Punkt der eine Dystopie ausmacht: Das Gefühl in einer sauberen Gesellschaft zu stehen. Statt dessen haben wir hier eher das genaue Gegenteil: Ein von oben kontrollierter Staat, in dem man lediglich froh ist, nicht zum Rand (den Distrikten) zu gehören.

Was hier also vollkommen demnach fehlt ist das utopische des Dystopischen. Was fehlt sind Menschen, die so handeln, weil sie es für etwas halten, für das es sich lohnt zu sterben.

Alles was hier beschrieben wird ist lediglich, dass ein Mensch, dem man eine Waffe vorhält, bereit ist alles zu tun, um den Mann mit der Waffe nicht dazu zu bringen, abzudrücken. (Und dabei bedient sich die gute Frau Collins eventuell bestimmten, plakativen Stilmitteln der großen Autoren, die Anti-Utopien verfasst haben. Aber das reicht letzten Endes nicht, um das Label Dystopie zu erfüllen.)

Wenn wir hier mal im Positivem festhalten wollen, was „Die Tribute von Panem“ ausmacht, so haben wir hier eine Geschichte der Adoleszenz, in der es darum geht, das aus verzweifelten Situationen Helden geboren werden. Leicht mit ein paar Teenie-Romance-Faktoren gewürzt. Das alles verpackt in einem Postapoclyptischen Roman, der als Setting eine dekandente Warlord-Gesellschaft beschreibt.

Aber bei den Tributen von Panem handelt es sich beim besten Willen nicht um eine Dystopie. Dafür fehlen die zentralen Merkmale.

Keine Kommentare:

Kommentar posten