Montag, 8. August 2016

Ist das Kunst, oder kann das weg? [Karneval der Rollenspielblogs]

Beinahe, aber auch wirklich nur beinahe, hätte ich mir diesen Monat gedacht „Ach, lass gut sein!“ Der Grund dafür ist, dass Greifenklaue mit „Geld, Gold und Schätze“ das für mich so ziemlich langweiligste Thema aus dem Umfeld der Rollenspielthemen überhaupt rausgepickt hat. (Ich meine echt jetzt: Wir haben eine abstrakte Tauscheinheit, welche in Form einer Wärung daher kommt und diverse Güter entsprechen irgendeinem Punkt auf einer Liste, die die große Überschrift „Handelgüter“ trägt... alternativ kann man auch sagen: „Du findest Zeugs im Gegenwert von X der Währung Y“)... dann viel mein Blick auf den zusätzlichen Aufruf der Sondereinrichtung „Loot a day“ und meine Neugierde war mit Punkt 7 geweckt.

Abstrakte Kunst? Ahm... zugegeben, ich erinnere mich grob an eine Diskussion aus dem Tanelorn, wo ein Shadowrun-SL sein Leid beklagte, dass seine Runner-Runde von Spielern auf die Idee kamen bei einem Einbruch in ein Museeum mehr mitgehen zu lassen als das, was sie dort eigentlich tun wollten. Aber ansonsten? Ich denke im Zusammenhang mit dem von mir gewählten Provokativem Titel (auch wenn die Quellenlage dieses Zitates unklar ist. Eine Möglichkeit ist, dass der Ursprung irgendwo um 1973 liegt und auf eine grob fahrlässige Sachbeschädigung eines Kunstwerks von Joseph Beuys (und nein, es ist nicht die Fettecke, die kam später) erstmals von der Presse ausgedacht wurde. (Und dann entsprechend als geflügelte Wortspiel um die Welt ging.)
Der Punkt bei dieser Sache ist halt, dass Kunst auf sehr unterschiedlichem Weg betrachtet wird und letzten Endes ein wertender Begriff ist, wie ich schon vor einiger Zeit hier auf dem Blog einmal geschrieben habe und gelegentlich dann hier und da Versuche machte mögliche Versatzstücke aus dem Kunstdiskurs auch fürs Rollenspiel greifbar zu machen.
Fassen wir also aus all diesen Stellen eines sehr liberalen Kunstbegriffs das schlagende Argument nochmal ganz Polemisch auf: Kunst ist was gefällt!
Dieser eine Satz behauptet fiel, fasst aber auch sehr viele Aspekte zusammen, die letzten Endes überraschend sind. Prinzipiell geht es nämlich bei dem Wort des gefallens nicht nur um das subjektive eigene Wohlgefallen, sondern auch um das Gefallen einer anderen Person. Somit bezeichnen wir also Grundsätzlich etwas als Kunst, weil wir es bis zu einem bestimmten Grad unter dem Kunstbegriff wert zu schätzen wissen. (Wobei ich bis hierhin noch mit keinem Wort auch nur im geringsten von einer Preislichkeit im Sinne von Geld spreche.) Wobei man hier klipp und klar sagen muss, dass dieses Gefallen nicht mit dem Satz „Das ist schön“ bereits abgeschlossen ist. (Das Beispiel Beuys zeigt nämlich nur all zu gut, dass Kunst nicht schön sein muss.) Von daher bietet Kunst den möglichen Ramen, um sich auf mehr oder weniger formaler Ebene in rationaler Weise darüber auszutauschen, was einen dazu bewegt, das entsprechende Artefakt als Kunst wertzuschätzen. (Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich in diesem Artikel auch noch auf das Problemfeld der Concept Art eingehe, weil das dann wirklich den ganzen Bereich sprengen dürfte.)

Also, abstrakte Kunst. Wenn wir rein Begriffstechnisch an die Sache ran gehen, dann leitet sich der Begriff „Abstrakt“ von abstrahiert ab, also vereinfacht. Kunsthistorisch sprechen wir hier also von einem Zeitpunkt den man Pi mal Daumen ungefähr am Impressionismus festmachen könnte. Zumindest solange wir gegenständliche Malerei als Diskussionsgrundlage nehmen wollen. Dummerweise gehe ich aber eher davon aus, dass „Abstrakt“ hier eher umgangssprachlich gemeint ist, was die ungegenständliche Malerei nochmal mit einbezieht, oder teilweise auch als Ersatz für die eigentliche Bedeutung dann meint, weswegen wir im Kusnthistorischen Feld mit einem mal nicht mehr im Neunzehnten, sondern eher im zwanzigsten Jahrhundert uns umsehen müssten. (Es wird zwar gelegentlich in der Fachsprache auch der Begriff der konkreten Kunstwerke verwendet, aber das ist leider nicht ganz so verbreitet wie der umgangsprachlich verfälschte Terminus der Abstraktion.) Wenn wir aber diese eher kleinkrämerischen sprachlichen Feinheiten außer Acht lassen, dann bedeutet das eigentlich ein paar sehr spannende Entwicklungen innerhalb der Kunstwelt. Zum einen verliert der bisherige Repräsentationsgehalt eines Kunstwerkes immer mehr an Bedeutung. Sprich: Es ist nicht länger das Bild eines Gegenstandes, das den zentralen Aspekt ausmacht, sondern, wenn wir im Impressionismus bleiben, geht es eher um die Wahrnehmung eines Moments, welchen der Künstler in fieberhafter hast mit allen Farben und Lichtverhältnissen versucht hat festzuhalten. Wir sehen also nicht das Bild eines Gegenstandes, sondern wir sehen die Wahrnehmung eines Betrachters in einem spezifischen, kurzlebigen Moment, festgehalten durch eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten. Wenn wir dann aber die Ebene der Gegenständlichkeit verlassen wird es sogar noch komplizierter: Mit einem mal geht es um solche abstrakten Dinge wie Komposition oder Materialität. Das Wechselspiel von Flächen und Farben untereinander und zueinander aufs wesentliche heruntergebrochen. Und daraus entspringen dann neue Wahrnehmungsformen für den Betrachter. (Um es dabei dann an ein paar Zeitgenössischen Beispielen festmachen: Ulrich Erben z.B. ist bekannt für riesige Leinwände, die nichts als zwei untereinander angeordnete Flächen darstellen, welche unterschiedliche Farben aufweisen. Der Punkt bei diesen Bildern ist, das die Farben in unserer Wahrnehmung aufgrund eines sehr spezifischen Wechselspiels eine plastische Wirkung erzeugen. Als zweites Beispiel für eine solche Vorgehensweise diehnen mir in der Regel die Action-Paintings von Jackson Pollock. Pollock hat zwar zugegebenermaßen eine etwas banalere Vorgehensweise gewählt, indem er „einfach“ eine ungrundierte Leinwand auf den Boden seines Atteliers auslegte, um dann Farbe darauf zu werfen, aber genau das ist dann auch der Punkt bei der ganzen Sache: Diese Farbe hatte bestimmte Eigenschaften, die sich aufgrund der unbehandelten Oberfläche seiner Leinwände in komplizierten Mustern erkenntlich machten und dazu noch von dem Stoff der Leinwand weiter verarbeiten ließ, indem dieser sie aufsog und verzog. Man könnte also insofern sagen, dass die Farbe hier eher zu einem Werkstoff wurde, der eine eigene, bloße Materialität hatte, die auf diese Weise überhaupt erst präsentiert wurde. (Im übrigen betrachtet man diese Form von Malerei mit wenigen Centimetern Abstand zur Leinwand und nicht mehrere Meter davon entfernt, um „ja alles auf einmal im Blick zu haben“.) Und irgendwo in diesem Wechselspiel aus unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten dreht es sich immer bei abstrakten Kunstwerken, da wir diese eher Formal, als Inhaltlich rezipieren.

Dann gäbe es da noch das „Problem“ mit dem Künstler als Star. Sicher, „Künstler wird man aus Entschluß, nicht aus Talent“, wie Timm Ulrichs schon sagte. Allerdings: Das Problem bei der Sache ist, dass ein bloßes Kunstwerk, gerade wenn wir es unter dem Loot-Aspekt betrachten immer ein paar Probleme mit sich bringt. Die Schwierigkeit bei der Sache ist nämlich, dass ein Kunstwerk nicht automatisch von sich aus auch einen Geldwert darstellt. Materialwert an sich kann man z.B. gerade in der heutigen Zeit eher vergessen. (Als für die meisten unter diesem Aspekt vermutlich griffigeres Beispiel sei hier einmal kurz die Himmelsscheibe von Nebra erwähnt. Sie mag alt sein. Aber rein vom Materialwert kann man das eher vergessen. Wie man an dem verlinkten Podcast erfährt ist der Wert nämlich eher im geschichtlichen Kontext zu verbuchen. Und das bedeutet, dass sie ihren Status als „unbezahlbar (für die Archäologie)“ nur deshalb erhalten hat, weil man den genauen Fundort durch hartnäckige Recherche und entsprechenden Drohungen erfahren hat und deswegen die Forschung darauf aufbauen konnte.) Ähnlich sieht es mit Wertvollen Kunstwerken aus: Auch wenn der Gegenstand an sich spannend ist. Einen Geldwert erhält der Gegenstand als solcher nur deswegen, weil ein Konsens unter Sammlern herrscht, dass die Aura des Werkstücks aus dem Mythos eines bestimmten Künstlers darauf beruht. Und dieser entsprechende Künstler hat vermutlich sein ganzes Leben hart an seinem Werk gearbeitet, damit im Glücksfall seine Erben von seinem Nachlass etwas haben.
Für uns interessant (und damit vermutlich auch am ehesten Wichtig) ist dabei eines: Die Aura des Werks entspringt in der Regel aus der öffentlichen Wahrnehmung. (Immerhin reguliert sich Loot aus dem Wiederverkaufswert.) Das heißt: Selbst wenn mir jemand für eine meiner Zeichnungen oder Fotografien eine bestimmte Geldsumme gezahlt hat, heißt das noch lange nicht, das dieser Jemand einen wie auch immer gearteten Gewinn aus meinem Werk ziehen kann. Letzten Endes braucht die entsprechende Person für einen wie auch immer gearteten Wiederverkaufswert eine gewisse Aufmerksamkeit des Namens des Künstlers. (Konkret an einem noch allgemein gehaltenem Beispiel festgemacht: Ein Künstler kann ein paar Jahre recht verzweifelt überlebt haben und dabei eher billig verschiedene Paperworks mit sehr viel Glück hier und da verkauft haben. Dann gibt es mit einem mal einen exklusiven Deal mit einem konkreten Mäzen, der besagt, dass von da an alle Arbeiten automatisch in der Sammlung des Mäzens exklusiv übergehen. Diese Sammlung erhält dann durch publikumsstarke Ausstellungen einiges an Aufmerksamkeit – genauso der besagte Exklusivkünstler. Und mit einem mal erhalten die vorher eher schwierig verkaufbaren Einzelarbeiten, die noch im Umlauf sind einen ungeheuren Gegenwert auf dem Kunstmarkt. Kunstsammlungen sind also, solange man auf den Wiederverkauf schielt, immer ein hochspekulatives Geschäft.) Und ich rede bis hierhin nur von Beispielen mit eventuell noch lebenden Künstlern.
Mein Punkt bei der Sache ist: Die Kunstwerke, die einen entsprechenden Wiederverkaufswert haben, sind innerhalb der Szene, die Bereit ist für die entsprechenden Dinge Geld auszugeben, bekannt.
Ein kurzer Einschub noch, bevor ich zum eigentlichen Ende komme: Richtig kompliziert (und witzig) kann es sogar werden, wenn man seriell erstellte Motive zur Hand hat. Sehr häufig liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um Werks-Fälschungen handelt (verstädnlicherweise) in einigen Fällen hat es dann sehr viel Rechercheaufwand gebraucht um Gelegentlich festzustellen, dass ein „Geschwister“-Motiv tatsächlich von demselben Maler erstellt worden ist. (So geht man heute z.B. anscheinend davon aus, dass die Isleworth Mona Lisa ebenfalls aus der Hand Leonardos stammt. Was in gewisser Weise deswegen sogar Popkulturell interessant wäre, weil es eine Berüchtigte Doctor Who-Folge gibt, in der der Tom Baker auf mehrere Pappelholz-Tafeln mit einem Filzstift „This is a fake“ schreibt, um klar zu machen, dass diese original von Leonardo da Vinci bemalten Tafeln eben nicht die Mona Lisa sind! (Und trotzdem dasselbe Motiv aufzeigen. Übrigens gerade wegen diesem Kunstbezug ist City of Death insgesamt eine wunderbare Folge, die man unbedingt aus der klassischen Serie gesehen haben muss.)

Mein Punkt bei der Sache ist: Wenn wir Kunst aus einem zeitgenössischererem Ramen als Loot-Objekte unbedingt verbauen wollen, müssen wir uns klar sein, dass gerade die Objekte, die man in irgendeiner Weise mit einem Geldwert halbwegs gegenmessen könnte automatisch bekannt genug sind, um in der Öffentlichkeit sehr schwierig absetzbar zu sein. Deswegen sind Kunstdiebstähle heutzutage meistens auch eher „Artnapping“ vom Hintergrund her, sofern man nicht über die entsprechenden Kontakte innerhalb hochspezifischen Sammlerszene verfügt, die einen Diebstahl aus reiner Habgier in auftrage geben. Dementsprechend hätte der Loot-Charakter Kunst also noch zusätzlich den Umstand dabei, dass man mindestens ein paar Abende Lösegeldverhandlungen mit dem Museum, aus dem das Bild kommt, führt und anschließend noch eine Schießerei mit der Polizei bei der Übergabe zu bewältigen hat. (Jedenfalls ist das Thema Kunst als Abenteuerbelohnung ein hochgradig schwieriges Feld.)

Keine Kommentare:

Kommentar posten